Netzladen: der zweite Spar-Hebel neben Solar
Ein Balkonkraftwerk senkt deine Stromrechnung, indem es tagsüber eigenen Solarstrom liefert. Es gibt aber einen zweiten Hebel, der davon völlig unabhängig ist: Netzladen. Dabei lädst du deinen Speicher gezielt in den Stunden aus dem Netz, in denen Strom an der Börse am billigsten ist, und entlädst ihn abends, wenn er am teuersten wäre. Möglich macht das ein dynamischer Stromtarif, dessen Preis sich stündlich an der Strombörse orientiert.
Der Reiz dahinter: Solarstrom bekommst du nur, wenn die Sonne scheint. Günstige Börsenstunden gibt es dagegen das ganze Jahr: nachts, an windigen Wintertagen oder mittags, wenn ganz Deutschland Solarstrom einspeist. Netzladen füllt also genau die Lücken, in denen dein Balkonkraftwerk wenig oder nichts liefert. Aber es hat einen Haken, den wir weiter unten ehrlich einordnen.
So günstig sind die billigsten Stunden wirklich
Wie groß der Spielraum ist, zeigen die echten Börsenpreise. Über die letzten 360 Tage kostete die jeweils günstigste Stunde des Tages im Schnitt nur 3,56 ct/kWh. Wer die sechs billigsten Stunden nutzt (genug, um einen typischen Balkonspeicher komplett zu füllen), zahlt im Mittel 4,67 ct/kWh. Das Diagramm oben zeigt, wie der Durchschnittspreis mit jeder zusätzlichen Ladestunde steigt: Die erste Stunde ist am billigsten, jede weitere kostet etwas mehr.
Zur Einordnung: Der Börsenpreis lag im Jahresschnitt bei 9,35 ct/kWh, und zwischen der teuersten und der günstigsten Stunde eines Tages liegen im Mittel 12,8 ct. Diese Tagesspanne ist der eigentliche Gewinnraum beim Netzladen. An 509 Stunden des vergangenen Jahres war der Börsenpreis sogar negativ (negative Strompreise): in solchen Stunden bekommst du für den Bezug rechnerisch sogar Geld dazu. Wann diese günstigen Fenster typischerweise liegen, zeigen wir im Artikel Wann ist Strom am günstigsten?.
Warum du trotzdem nicht 4 ct pro kWh zahlst
Jetzt der wichtigste Punkt, und der Grund, warum manche Werbung übertreibt: Die 3,56 ct und 9,35 ct sind reine Börsen- bzw. Beschaffungspreise. Auf deiner Stromrechnung kommen darauf noch Netzentgelte, Steuern, Abgaben und der Aufschlag deines Anbieters, und diese Bestandteile ändern sich stündlich nicht. Ein dynamischer Tarif macht nur den Beschaffungsanteil flexibel.
Real zahlst du beim Laden also nicht 4 ct, sondern diesen günstigen Börsenpreis plus einen festen Aufschlag von meist 15 bis 25 ct/kWh. Netzladen spart deshalb nicht die vollen rund 30 ct einer Kilowattstunde aus einem Standardtarif: es sichert dir nur die variable Börsenspanne, also die 12,8 ct, die du durch geschicktes Timing zwischen billiger Nacht- und teurer Abendstunde einsammelst. Die 30 ct eines Festtarifs sind die Messlatte für den Wert dieser Spanne, nicht der Preis, zu dem du lädst. Wer das verwechselt, rechnet sich die Ersparnis viel zu schön.
Was du für Netzladen brauchst
Zwei Voraussetzungen müssen zusammenkommen:
1. Ein Speicher, der Netzladen erlaubt
Nicht jeder Balkonspeicher kann aus dem Netz laden: viele Modelle füllen sich ausschließlich aus dem angeschlossenen Solarmodul. Für Netzladen brauchst du ein Gerät, das den Bezug aus der Steckdose technisch zulässt, idealerweise mit einer App-Steuerung, die günstige Börsenstunden automatisch erkennt. Ob sich ein Speicher überhaupt lohnt, klären wir im Artikel Balkonkraftwerk mit oder ohne Speicher, und was eine Kilowattstunde Kapazität kostet, im Speicher-Preis pro kWh.
2. Ein dynamischer Stromtarif
Nur mit einem dynamischen Tarif zahlst du überhaupt den stündlich wechselnden Börsenpreis, bei einem Festpreistarif bringt gezieltes Laden nichts, weil deine Kilowattstunde rund um die Uhr gleich viel kostet. Voraussetzung für den dynamischen Tarif ist in der Regel ein digitaler Stromzähler (Smart Meter). Den aktuellen Börsentrend kannst du jederzeit in unserer Preis- und Börsenübersicht nachschauen.
Rechnet sich Netzladen für dich?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten, denn dem Gewinn stehen echte Kosten gegenüber. Jedes Laden und Entladen zählt als ein Zyklus, und die Zellchemie hält nur eine begrenzte Zahl davon: Netzladen fügt also Zyklen hinzu, die reiner Solar-Eigenverbrauch nicht hätte. Dazu kommen rund 10 bis 15 Prozent Umwandlungsverluste beim Zwischenspeichern. Deine Marge ist am Ende die Tagesspanne von rund 12,8 ct, abzüglich dieser Verluste und des anteiligen Verschleißes deines Speichers.
Ob unterm Strich ein Plus bleibt, hängt vor allem am Anschaffungspreis pro Kilowattstunde Speicher und daran, wie viel Strom du abends wirklich aus dem Speicher ziehst. Genau diese Faktoren kannst du mit deinen eigenen Zahlen im Netzladen-Rechner und im Speicher-Rechner durchspielen, statt dich auf eine pauschale Faustregel zu verlassen.
Fazit
Netzladen ist ein reizvoller zweiter Hebel neben dem Balkonkraftwerk: Mit einem dynamischen Tarif lädst du den Speicher in Stunden, die im Schnitt nur 3,56 bis 4,67 ct/kWh an der Börse kosten. Aber sei ehrlich zu dir selbst: durch feste Netzentgelte und Abgaben zahlst du effektiv deutlich mehr als 4 ct, und jeder Zyklus kostet Speicher-Lebensdauer. Der Gewinn ist die variable Börsenspanne von rund 12,8 ct, nicht die vollen 30 ct. Ob das dein Setup lohnt, zeigt dir am ehrlichsten dein eigener Fall im Netzladen-Rechner.