„Muss es Süden sein?“: der Mythos vom Süd-Zwang
Kaum eine Frage taucht vor dem Kauf so oft auf: Bringt mein Balkon überhaupt etwas, wenn er nicht nach Süden zeigt? Die kurze Antwort lautet: ja, fast immer. Süden ist zwar das Maximum, aber die Himmelsrichtung entscheidet längst nicht über „lohnt sich“ oder „lohnt sich nicht“. Ein West-Balkon in unserer PVGIS-Referenz liefert noch 77 %, ein Ost-Balkon 79 % des Süd-Ertrags. Der „Süd-Zwang“, den man in vielen Foren liest, hält den Zahlen nicht stand.
Die Werte in diesem Artikel stammen aus PVGIS, dem Solarstrahlungs-Rechner der EU-Kommission. Als Referenz dient ein typisches 800-Watt-Set mit 800 Watt Modulleistung, in Berlin aufgestellt und um 35° geneigt. Nur die Ausrichtung wird durchgespielt: alles andere bleibt gleich, damit die Zahlen vergleichbar sind.
Die Zahlen: Süd, Südost/Südwest, Ost und West
Nach Süden ausgerichtet erzeugt das Set rund 847 kWh im Jahr, das ist der Bestwert und unsere 100-%-Marke. Von da an geht es überraschend flach bergab:
- Südost: 802 kWh (95 % vom Süd-Ertrag)
- Südwest: 789 kWh (93 %)
- Ost: 671 kWh (79 %)
- West: 655 kWh (77 %)
Südost und Südwest sind mit 95 bzw. 93 % praktisch nicht von Süd zu unterscheiden: dieser Unterschied ist kleiner als das, was allein der Standort ausmacht (dazu weiter unten). Selbst zwischen dem besten und dem schlechtesten der fünf Fälle liegen nur rund 192 kWh im Jahr. Bei einem Strompreis von 0,35 €/kWh entspricht das einem Ertragswert von unter 70 € und das auch nur, wenn du jede erzeugte Kilowattstunde selbst nutzt. In der Praxis ist die Lücke oft noch kleiner. Zum Vergleich: Der Neigungswinkel kann den Ertrag stärker verschieben als die Ausrichtung, wenn das Modul senkrecht am Geländer statt schräg hängt.
Warum Ost und West oft die klügere Wahl sind
Der Jahresertrag ist nur die halbe Geschichte. Viel wichtiger für deinen Geldbeutel ist, wann der Strom entsteht. Ein Süd-Modul liefert seine Spitze mittags in einem schmalen Fenster: genau dann, wenn viele Haushalte am wenigsten verbrauchen. Der Überschuss fließt dann fast vergütungslos ins Netz.
Ost und West drehen die Erzeugungskurve auseinander: Ost bringt vormittags Leistung, West am späten Nachmittag und Abend. Das deckt sich viel besser mit den typischen Verbrauchsspitzen: Frühstück, Kochen, Feierabend, Waschmaschine. Dadurch nutzt du einen größeren Anteil des Stroms direkt selbst, statt ihn einzuspeisen. Und der Eigenverbrauch ist der eigentliche Geld-Hebel eines Balkonkraftwerks: Jede selbst verbrauchte Kilowattstunde spart den vollen Strompreis, jede eingespeiste bringt fast nichts. Ein West-Balkon mit hohem Eigenverbrauch kann so unterm Strich mehr Euro einsparen als ein Süd-Balkon, dessen Mittagsspitze zum großen Teil ins Netz läuft.
Ost oder West: worauf es ankommt
Wenn du zwischen Ost und West wählen kannst, entscheidet dein Tagesrhythmus, nicht die Statistik: denn mit 79 gegen 77 % liegen beide fast gleichauf. Faustregel:
- West, wenn du tagsüber außer Haus bist und erst am Abend Strom brauchst (Kochen, Unterhaltung, Laden). Die Abendsonne trifft dann auf deinen realen Verbrauch.
- Ost, wenn morgens viel läuft: Homeoffice ab dem frühen Vormittag, Frühstück, früh startende Geräte.
Noch mehr herausholen lässt sich mit einem Speicher: Er verschiebt den Mittags- oder Vormittagsüberschuss in die Abendstunden und macht die Ausrichtung fast zweitrangig. Ob sich das für dich rechnet, prüfst du im Speicher-Rechner. Und wie sich die Verteilung über die Jahreszeiten verschiebt (im Winter zählt jede Ausrichtung weniger, weil die Sonne insgesamt tief steht) liest du im Artikel Balkonkraftwerk im Winter.
Gelten diese Werte auch für deine Stadt?
Ehrliche Einordnung: Die absoluten kWh oben gelten für den Referenzstandort Berlin. In sonnigeren Regionen (etwa im Süden Deutschlands) liegt der Ertrag höher, an der Nordseeküste tendenziell etwas niedriger. Wie groß diese Standort-Streuung ist, zeigt der Artikel Die sonnigsten Städte für ein Balkonkraftwerk.
Was dagegen überall gilt, sind die Verhältnisse: Ost und West liefern in ganz Deutschland rund drei Viertel des Süd-Ertrags, Südost und Südwest liegen fast auf Süd-Niveau. Deshalb kannst du die Prozentwerte aus diesem Artikel auf deinen Standort übertragen, die absoluten Kilowattstunden aber besser konkret nachrechnen. Genau das macht der Ertragsrechner: Er nimmt deine PLZ, deine Ausrichtung und deinen Neigungswinkel und liefert den PVGIS-Wert für deine Adresse.
Fazit
Der Süd-Zwang ist ein Mythos. Süd ist das Maximum, aber Ost und West bringen mit 79 und 77 % noch reichlich Ertrag und verteilen ihn über den Tag oft so, dass am Ende sogar mehr Geld hängen bleibt. Wichtiger als die perfekte Himmelsrichtung ist ein hoher Eigenverbrauch. Kurz: Wenn dein Balkon nach Osten oder Westen zeigt, ist ein Balkonkraftwerk trotzdem eine gute Idee. Rechne deinen konkreten Fall im Ertragsrechner durch, statt ihn an der Kompassnadel scheitern zu lassen.