Die höchste Dichte hat das Land, nicht die Stadt
Man würde die meisten Balkonkraftwerke pro Kopf in den großen Städten vermuten: dort, wo die Fassaden dicht an dicht stehen und über jeden Sonnenstrahl diskutiert wird. Die Daten aus dem Marktstammdatenregister sagen das Gegenteil. Teilt man die eingetragenen Anlagen durch die Einwohnerzahl, führt kein Stadtstaat und keine Metropole die Rangliste an, sondern der ländliche Landkreis Friesland an der niedersächsischen Nordseeküste: 35,5 Balkonkraftwerke je 1.000 Einwohner. Das sind 3.566 Anlagen bei rund 100.411 Einwohnern.
Zur Einordnung: Bundesweit liegt die Dichte bei etwa 18,3 Anlagen je 1.000 Einwohner. Friesland kommt damit auf fast das Doppelte des Durchschnitts, und ist alles andere als eine Großstadt. Wie viele Anlagen es absolut gesehen in Deutschland gibt und wie schnell die Zahl wächst, steht im Marktreport und im Artikel Der Balkonkraftwerk-Boom in Zahlen.
Die Top 10: fast nur Niedersachsen und Bayern
Der ganze Kopf der Rangliste ist ländlich geprägt. Kein einziger der zehn dichtesten Kreise ist eine kreisfreie Großstadt. Es sind durchweg Landkreise, und fast alle liegen in Niedersachsen oder Bayern:
- Landkreis Friesland (Niedersachsen): 35,5 je 1.000 (3.566 Anlagen)
- Landkreis Coburg (Bayern): 34,8 je 1.000 (2.941 Anlagen)
- Landkreis Holzminden (Niedersachsen): 34,5 je 1.000 (2.264 Anlagen)
- Landkreis Celle (Niedersachsen): 34,4 je 1.000 (5.934 Anlagen)
- Landkreis Oldenburg (Niedersachsen): 34,1 je 1.000 (4.505 Anlagen)
- Landkreis Peine (Niedersachsen): 33,2 je 1.000 (4.550 Anlagen)
- Landkreis Hof (Bayern): 33 je 1.000 (3.043 Anlagen)
- Landkreis Verden (Niedersachsen): 31,8 je 1.000 (4.408 Anlagen)
- Landkreis Aurich (Niedersachsen): 31,6 je 1.000 (5.971 Anlagen)
- Landkreis Kronach (Bayern): 31,4 je 1.000 (2.029 Anlagen)
Niedersachsen stellt mit Friesland, Holzminden, Celle, Oldenburg, Peine, Verden und Aurich den Löwenanteil, Bayern steuert Coburg, Hof und Kronach bei. Das ist kein Zufall: Es sind Flächenkreise mit vielen kleinen Gemeinden, hohem Wohneigentum und viel Dachfläche. Der Wert „je 1.000 Einwohner“ macht solche Kreise überhaupt erst vergleichbar: ohne diese Umrechnung würde jede Millionenstadt allein wegen ihrer Größe oben stehen. Den vollständigen Vergleich aller Kreise findest du im Landkreis-Ranking; wie sich die Länder insgesamt schlagen, zeigt der Bundesland-Vergleich.
Warum das Land vorn liegt
Der entscheidende Faktor ist das Wohneigentum. Auf dem Land wohnen deutlich mehr Menschen im eigenen Ein- oder Zweifamilienhaus als in der Stadt. Und wer Eigentümer:in ist, hat beim Balkonkraftwerk praktisch freie Bahn: keine Vermietung, die zustimmen muss, keine Eigentümergemeinschaft, die abstimmt. Es gibt eine eigene Fassade, einen Balkon, eine Terrasse, oft einen Garten oder ein Carport, und damit gleich mehrere geeignete Plätze für die Module.
Dazu kommt der praktische Teil. Das steckerfertige Set wird ausgepackt, aufgestellt oder aufgehängt und in die Außensteckdose gesteckt. Im eigenen Haus ist das eine Sache von einer Stunde, ohne Rückfrage bei irgendwem. Auch die Anmeldung ist heute nur noch ein kurzer Eintrag im Marktstammdatenregister (Anleitung unter Anmeldung). Wo man selbst entscheidet, sinkt die Hemmschwelle, und genau das schlägt sich in der Statistik nieder. Ob sich das für dich rechnet, hängt am Ende nicht vom Wohnort in der Rangliste ab, sondern von Ausrichtung und Sonne: das rechnest du im Ertragsrechner für deine PLZ aus.
Hinzu kommt, dass ländliche Kreise oft flexibler mit dem Platz umgehen können: Ein Modul auf dem Gartenhaus, an der Südwand oder auf der Garage bringt häufig mehr Ertrag als ein verschatteter Nordbalkon im Hinterhof. Wer die freie Wahl hat, stellt die Anlage genau dorthin, wo die Sonne am längsten steht, ein Vorteil, den die meisten Stadtwohnungen schlicht nicht bieten.
Warum die Großstädte hinterherhinken
In der Großstadt kehrt sich fast jeder Vorteil um. Die meisten Menschen wohnen zur Miete, oft im mehrgeschossigen Wohnblock. Seit Oktober 2024 ist das Balkonkraftwerk zwar eine privilegierte bauliche Maßnahme nach § 554 BGB: die Vermietung kann die Zustimmung nur noch aus wichtigem Grund verweigern. Aber gefragt werden muss trotzdem, und diese Hürde hält viele ab. Was rechtlich gilt und wie du die Zustimmung sauber einholst, steht im Ratgeber Mietrecht & Balkonkraftwerk.
Deshalb landen ausgerechnet die dicht besiedelten Stadtstaaten Berlin und Hamburg im Ländervergleich ganz unten: beide liegen klar unter dem Bundesdurchschnitt von 18,3 je 1.000 Einwohner. Die genauen Pro-Kopf-Werte für Berlin und Hamburg stehen im Bundesland-Vergleich. Wichtig ist die richtige Lesart: Absolut hat Berlin mit Abstand die meisten Anlagen aller Städte. Pro Kopf ist es dünn besiedelt. Dieser Unterschied zwischen absoluter Zahl und Dichte ist genau das, was das Städte-Ranking auseinanderhält.
Was du daraus mitnimmst
Die Rangliste ist kein Ertragsranking: Friesland liegt vorn, weil dort viele Menschen ein Set anschaffen, nicht weil die Sonne dort besonders stark scheint. Für die reine Ausbeute zählen Ausrichtung, Neigung und die lokale Einstrahlung, nicht wie viele Nachbarn schon eine Anlage haben. Wenn du wissen willst, was dein Balkon bringt, ist der Ertragsrechner die richtige Adresse; wenn dich die große Linie interessiert, der Marktreport und dein eigener Kreis im Landkreis-Ranking.
Und die vielleicht wichtigste Botschaft für alle in der Stadt: Der Rückstand liegt an der Wohnform, nicht an der Technik. Wer zur Miete wohnt und die Zustimmung einholt, produziert denselben Strom wie das Einfamilienhaus auf dem Dorf. Die rechtliche Tür steht seit § 554 BGB offen: es fehlt vielerorts nur der letzte Schritt.