Warum beim Balkonkraftwerk nur der Eigenverbrauch zählt
Die wichtigste Zahl deines Balkonkraftwerks steht auf keinem Datenblatt: der Eigenverbrauch. Ein Balkonkraftwerk erzeugt Strom vor allem tagsüber: dann, wenn viele Leute gar nicht zu Hause sind. Was du in diesem Moment selbst verbrauchst, ersetzt teuren Netzstrom und spart bares Geld. Was du gerade nicht brauchst, fließt ins öffentliche Netz und ist damit für deine Ersparnis verloren.
Denn genau da liegt der Haken: Für diesen eingespeisten Überschuss bekommst du bei einem steckerfertigen Balkonkraftwerk praktisch keine Vergütung. Die Verbraucherzentrale empfiehlt Steckersolar-Anlagen ausdrücklich für den Eigenverbrauch: eine Einspeisevergütung ist für die kleinen Anlagen nicht vorgesehen und würde den bürokratischen Aufwand nicht lohnen.
Die Folge ist einfach, aber wird oft übersehen: Nur die selbst verbrauchte Kilowattstunde spart Geld. Zwei Haushalte mit identischer Anlage und identischem Jahresertrag können am Ende völlig unterschiedlich viel sparen, je nachdem, wie viel vom Solarstrom sie direkt selbst nutzen. Der Ertrag ist nur die halbe Miete; die andere Hälfte ist die Frage, wann du deinen Strom verbrauchst.
Was die Zahlen zeigen: 30, 50 und 70 % im Vergleich
Das Diagramm oben rechnet ein typisches Set in Berlin durch: 821 kWh Jahresertrag, ein Strompreis von 0,35 €/kWh. Die drei Balkenpaare stehen für drei Eigenverbrauchsquoten. Der dunkle Balken zeigt jeweils den selbst genutzten Strom, der helle den Überschuss ins Netz: die Summe ist immer dieselbe, nämlich der volle Jahresertrag. Es verschiebt sich also nur, welcher Teil dir Geld bringt.
Bei 30 % Eigenverbrauch nutzt du rund 246 kWh selbst und schickst etwa 575 kWh ungenutzt ins Netz, unterm Strich sparst du nur rund 86 € im Jahr. Bei 50 % teilt sich der Ertrag hälftig auf (411 kWh selbst, 411 kWh ins Netz) und die Ersparnis steigt auf rund 144 €. Bei 70 % nutzt du 575 kWh selbst, nur noch 246 kWh gehen verloren und die Ersparnis klettert auf rund 201 €. Von 30 auf 70 % Eigenverbrauch mehr als verdoppelt sich die jährliche Ersparnis, ohne dass ein einziges Watt mehr installiert wird.
Das macht den Eigenverbrauch zum größten Sparhebel beim Balkonkraftwerk. Ein besserer Neigungswinkel oder ein sonnigerer Standort bringen dir vielleicht 50 bis 100 kWh mehr Ertrag: den Eigenverbrauch von 30 auf 60 % zu heben, ist finanziell fast immer wirksamer. Und es kostet, anders als mehr Modulfläche, meist nichts außer etwas Aufmerksamkeit.
Der Ertrag ist nur die halbe Miete: Gespart wird in dem Moment, in dem du deinen Solarstrom auch verbrauchst.
Der Tagesverlauf: wo Eigenverbrauch entsteht
Um zu verstehen, warum überhaupt so viel Überschuss entsteht, hilft ein Blick auf den Tagesverlauf. Die Solarerzeugung folgt der Sonne: Sie beginnt am Morgen, erreicht um die Mittagszeit ihre Spitze und endet am Abend. Der Verbrauch eines Haushalts folgt dagegen dem Alltag: ein kleiner Hügel am Morgen, tagsüber oft nur die Grundlast aus Kühlschrank, Router und Standby-Geräten, und der höchste Berg am Abend, wenn Licht, Herd und Fernseher laufen.
Die beiden Kurven passen schlecht übereinander, und genau diese Lücke ist das Problem. Mittags, wenn die Anlage am meisten liefert, läuft zu Hause oft nur die Grundlast; alles darüber fließt als Überschuss ins Netz. Abends, wenn der Verbrauch am höchsten ist, liefert die Anlage nichts mehr: dieser Strom kommt ganz normal (und voll bezahlt) aus dem Netz. Eigenverbrauch erhöhen heißt deshalb immer eines von beidem: den Verbrauch in die Mittagsspitze schieben oder den Mittagsüberschuss in den Abend retten, etwa mit einem Speicher. Wie das konkret geht, zeigen die folgenden Hebel.
So steigerst du den Eigenverbrauch
Die gute Nachricht: Die meisten Hebel sind kostenlos. Es geht vor allem darum, den Verbrauch dorthin zu bekommen, wo die Sonne ohnehin scheint: in die Mittagsstunden.
Lasten in die Mittagszeit verschieben
Spülmaschine, Waschmaschine und Trockner haben fast alle eine Startzeitvorwahl. Programmierst du sie auf die Mittags- und frühen Nachmittagsstunden, laufen sie direkt mit Solarstrom statt mit Netzstrom. Auch Warmwasserboiler, E-Auto-Ladung oder eine Wärmepumpe lassen sich per Timer oder smarter Steckdose in die Erzeugungsspitze legen. Jede Kilowattstunde, die so vom Netz in die Sonne wandert, ist bare 0,35 €.
Das Set auf die Grundlast auslegen
Kühlschrank, Router, Gefriertruhe und diverse Standby-Geräte ziehen rund um die Uhr eine kleine, konstante Leistung: die sogenannte Grundlast. Ein Balkonkraftwerk, dessen Erzeugung diese Grundlast über den Tag abdeckt, erreicht auch ohne Verhaltensänderung einen hohen Eigenverbrauch. Wer die Anlage viel größer als seinen Tagesbedarf dimensioniert, produziert dagegen viel Überschuss, der ungenutzt verpufft.
Module auf Ost und West verteilen
Ein reiner Süd-Aufbau liefert eine hohe, schmale Erzeugungsspitze rund um die Mittagszeit: genau dann, wenn viele nicht da sind. Verteilst du die Module auf Ost und West, wird die Kurve breiter und flacher: Morgens und abends, wenn du eher zu Hause bist, kommt mehr Strom an. Für den Eigenverbrauch ist diese breitere Kurve oft wertvoller als der etwas höhere Jahresertrag der Süd-Ausrichtung. Details dazu im Artikel Süd, Ost oder West.
Dynamischer Stromtarif als Ergänzung
Ein dynamischer Stromtarif ändert am Eigenverbrauch selbst nichts, senkt aber den Preis für den Reststrom, den du trotzdem aus dem Netz ziehst, vor allem nachts. In Kombination mit einem Balkonkraftwerk holst du so aus beiden Richtungen etwas heraus.
Speicher: der stärkste Hebel, aber rechnet er sich?
Der wirksamste Weg, den Eigenverbrauch zu steigern, ist ein Batteriespeicher. Er nimmt den Mittagsüberschuss auf und gibt ihn abends wieder ab, also genau dann, wenn Licht, Herd und Fernseher laufen. Damit lassen sich Eigenverbrauchsquoten von 70 % und mehr erreichen, und der ins Netz verpuffende Anteil schrumpft deutlich.
Der Haken ist der Preis. Ein Balkonspeicher kostet je nach Kapazität mehrere hundert bis über tausend Euro, und diese Mehrkosten müssen erst einmal durch die zusätzliche Ersparnis wieder hereingeholt werden. Bei einem Ertrag von 821 kWh und 0,35 €/kWh bewegt sich die zusätzliche jährliche Ersparnis oft im niedrigen dreistelligen Bereich, sodass sich ein Speicher rein finanziell nicht immer trägt. Ob er sich für dich lohnt, hängt von deinem Verbrauchsprofil, dem Speicherpreis und deinem Strompreis ab. Wir rechnen das im Artikel Lohnt sich ein Speicher? und in der Gegenüberstellung mit oder ohne Speicher ehrlich durch, und im Speicher-Rechner gibst du deine eigenen Zahlen ein.
Berlin ist nur das Beispiel: dein Fall kann anders liegen
Die Zahlen oben gelten für ein Set in Berlin mit 821 kWh Jahresertrag. Dein Ertrag hängt von Standort, Ausrichtung und Verschattung ab: im sonnigen Süden Deutschlands liegt er höher, im wolkigen Norden niedriger. Auch dein Strompreis weicht wahrscheinlich von den angesetzten 0,35 €/kWh ab. Das verschiebt die absoluten Euro-Beträge, aber nicht die Grundregel: Der Eigenverbrauch entscheidet, wie viel du sparst.
Rechne deinen konkreten Fall im Ertrags- und Ersparnisrechner durch: er berücksichtigt deine PLZ, Ausrichtung und deinen Eigenverbrauch. Und weil der Ertrag im Winter ohnehin knapp ist, lohnt sich gerade dann ein hoher Eigenverbrauch besonders: Warum das so ist, liest du im Artikel Balkonkraftwerk im Winter. Wie sich das Zusammenspiel aus Ertrag, Eigenverbrauch und Preis auf die Rückzahldauer auswirkt, zeigt schließlich der Artikel Wann sich ein Balkonkraftwerk amortisiert.